Lutz Graumann über das Return-to-play-Protokoll: „Immer dann, wenn es irgendwo Auffälligkeiten gibt, geht es nicht weiter“

Lutz Graumann ist medizinischer Koordinator beim Deutschen Eishockey-Bund e.V. und spricht im Interview über die Umsetzung des „Return-to-play“-Protokolls bei der U20-WM in Kanada nach einer Covid-19-Infektion. Der Sportmediziner aus Rosenheim erklärt, welche einzelne Etappen auf dem Weg zurück in den Wettkampf zu absolvieren sind, wie diese überwacht und auf welcher Basis schließlich Entscheidungen getroffen werden.

Der Weg zurück in Trainings- und Wettkampfbetrieb nach einer Covid-19-Infektion wird derzeit oft thematisiert, auch in Bezug auf die U20-WM in Kanada geht es nach den positiven Fällen bei unserer deutschen Mannschaft um diese Frage. Was genau umfasst die Bezeichnung, was ist ein Return-to-play-Protokoll grundsätzlich?

Lutz Graumann: „Es bedeutet grundsätzlich, dass man nach einer festgestellten gesundheitlichen Problematik, sich nach einem objektiven Schema überlegt, wie die Rückkehr zum Sport für einen Athleten gelingen kann, ohne dass dabei gesundheitliche Risiken entstehen. Es ist ein standardisiertes Protokoll zur Wiederaufnahme der Wettkampftätigkeit und variiert je nachdem, worum es geht. In Bezug auf die Corona-Pandemie lernen wir hier jeden Tag etwas dazu, es gibt erste etwas längere Erfahrungsberichte, die etwa sechs Monate alt sind. Wir lernen also jetzt im Schnellverfahren die Komplexität kennen und aufgrund der vielen Fälle im Eishockey ständig dazu.“

Wie sieht dieses Protokoll konkret aus in Bezug auf eine Covid-19-Infektion?

Graumann: „Es wird in Bezug auf die Corona-Pandemie nur bei bestätigten, durch PCR-Tests bestätigten Covid-19-Infektionen angewendet. Es wird durchgeführt, um die Athleten auch vor sich zu schützen. Dabei wird zunächst eine zehntägige Ruhephase verschrieben – ob Symptome da sind oder auch nicht. Innerhalb der Infektion wird nach verschiedenen Phasen unterschieden. In der ersten Phase gibt es ein absolutes Sportverbot bis auf Gehen und Alltagstätigkeiten, das war’s. Die Phase zwei ist ein Heranführen an leichtere bis mittlere Belastungen, in Phase drei wird die Belastung weiter gesteigert und variiert. Schließlich folgen in unserem Falle Belastungsüberprüfungen auf dem Eis, erst dann erfolgt eine Freigabe. So können wir jeden einzelnen Schritt nachvollziehen. Sämtliche Vorgänge sind dann im Team zwischen Athletiktrainer Christian Bachmann, dem Bundestrainer Wissenschaft und Ausbildung Karl Schwarzenbrunner, der Teamärztin Claudia Frenz und mir – und dann auch mit der Sportlichen Leitung besprochen.“

Wie lief Phase eins bei den Spielern der U20-WM in Kanada?

Graumann: „Bei den Jungs in Kanada wurde ein Symptomtagebuch geführt und jeden Tag wurde der Ruhepuls genommen, zusätzlich noch die Temperatur gemessen und der Blutdruck. Phase eins ist nach erst mindestens sieben symptomfreien Tagen abgeschlossen, dann erst setzt Phase zwei ein. Wir halten uns hier streng an das Schema und schauen das Symptomtagebuch exakt an. Etwas Mobilisierung war in Kanada möglich, etwas wie Yoga oder Ähnliches zur ganz leichten Aktivierung. Zudem haben wir ein neuartiges 24-Stunden-EKG genutzt und überprüft wie reagieren Herzkreislauf und Atmung – denn zu den Symptomen gehört auch, dass ein erhöhter Ruhepuls und eine schnellere Atmung festzustellen sind.“

Wie kennzeichnet sich Phase zwei?

Graumann: „Bei der U20 wurden hier 15 Minuten auf einem Spinning-Rad zugrunde gelegt, um zu sehen, wie der Körper auf eine Belastung reagiert. Die Belastung wurde gesteigert bis zu höchstens 70 Prozent der maximalen Herzfrequenz. Um einen guten Vergleich zu haben, sind hier Vorwerte nötig, die uns aus dem Training aber von allen vorliegen. Bei jedem Spieler wurde hier auf den Herzschlag genau gemessen und die Werte festgelegt. Zusätzlich wurde die Ein-Minuten-Regeneration des Pulses beobachtet, denn je fitter und gesünder jemand ist, desto schneller beruhigt sich auch der Puls. All das wurde dann auch mit einer subjektiven Einschätzung des Sportlers verbunden, für die es die sogenannte Borg-Skala als Referenz gibt. Am Ende wird bewertet, ob die 70 Prozent maximale Herzfrequenz tatsächlich auch einer 70-prozentigen Belastung entsprechen. Diese Phase dauerte zwei Tage. Wenn es funktioniert, kommt der Athlet in die nächste Phase, wenn nicht, bleibt er dort bzw. wird unter Umständen auch zurückgestuft.“

Und in Phase drei wird die Belastung dann weiter erhöht …

Graumann: „Genau, hier gibt es einen Tag die Phase 3a und einen Tag die Phase 3b. 3a ist eine Belastung über 30 Minuten bei maximal 80 Prozent Herzfrequenz, die 3b bei 45 Minuten Belastung. Das wurde jeweils noch auf dem Hotelzimmer durchgeführt oder im Trainingsraum mit dem immer wieder gleichen Monitoring. Die 45-Minuten-Belastung war dann zudem nicht gleichförmig, sondern wurde in einer Intervallbelastung vorgenommen, um schon näher an die Eishockey-typische Belastung zu kommen. Es wurde immer beobachtet, wie geht es dem Athleten, wie schnell geht der Puls runter und stimmt dies mit dem subjektiven Empfinden überein. Immer dann, wenn es irgendwo Auffälligkeiten gibt, geht es nicht weiter.“

Dann geht es auf das Eis, wenn Phase drei erfolgreich absolviert wurde. Fällt hier die Entscheidung über einen Einsatz?

Graumann: „Diesen Prozess durften wir nach Absprache mit der IIHF auf einen Tag abkürzen. Nach dieser Phase ist der Athlet bereit für das Spiel, insgesamt ist es ein elftägiges Return-to-play-Protokoll inklusive der Erkrankung ab dem Tag der letzten Symptome. Auf dem Eis ist die Belastung weniger als 60 Minuten lang und es wird nie voll ausbelastet, die Belastung liegt auch bei 80 Prozent. Wir versuchen das so hinzukriegen, dass die Spieler noch einen Tag haben, wo sie sich im Pre-Game-Skate dann einmal auch richtig hochpushen können. Christian Bachmann überwacht die Belastung im Training, das machen wir immer mit unserem Partner Firstbeat. Mit dem System von Nambaya monitoren wir zusätzlich, weil uns das bei der Früherkennung enorm hilft. Wir haben hier die Möglichkeit auf ein 12-Kanal-EKG, das bietet die höchste Detailgenauigkeit bei Herzanalysen, die man derzeit machen kann. Das Gesamtdokument für die WM wurde von der IIHF entwickelt, wir haben entschieden, dass wir sogar noch mehr Diagnostik machen als vorgeschrieben war.“

Was passiert, wenn ein Athlet spielfit scheint und dann doch wieder Probleme auftreten?

Graumann: „Wenn ein Athlet nach einem Spiel und kurz zuvor wieder Anzeichen bekommt, dann wird wieder im Team entschieden, was das Problem ist und was wir als Maßnahmen brauchen. Wir schauen sehr genau drauf, dass wir nichts übersehen. Auch wenn die Sportler aus dem Protokoll raus sind, gibt es routinemäßig ein stetiges Monitoring. Jeden Tag wird der Ruhepuls überprüft, jeden Tag stehen wir im Austausch, jeden Tag sammeln wir Daten.“

Wie ist das Return-to-Play-Protokoll bei der U20-WM in Kanada gelaufen?

Graumann: „Der Prozess war komplett transparent, denn er wurde von neutralen Beobachtern begleitet, sowohl die IIHF als auch die kanadischen Gesundheitsbehörden haben das überwacht. Alles aufgrund einer Datenlage, die auch von neutraler Stelle erhoben wurde. Wir haben wie gesagt mehr gemacht – auch mehr Monitoring – als wir hätten machen müssen. Aber klar ist auch: Das Monitoring ist nur dann wirklich gut zu bewerten, wenn es Vorwerte von den Spielern gibt (Ruhepuls, Belastungsdaten, Ruhe-EKG zum Vergleich). Es gibt Beispiele, wo wir eben dadurch bestimmte Dinge sofort abklären konnten. Dieses Vorgehen wäre für alle Ligen wichtig auch mit Blick auf die kommenden Monate. Wir sehen immer, wie der Körper auf Arbeit reagiert.“

Ist es also unter diesen Umständen verantwortlich, die Spieler nach einer Covid-19-Infektion relativ schnell wiedereinzusetzen?

Graumann: „Es ist nicht unverantwortlich, weil wir alle Schritte durchgehen und einhalten, die derzeit nach aktueller Literatur empfohlen werden und weil wir uns schon über mehrere Tage im Vorfeld einen Überblick verschafft haben, in welchen Zustand sich die Athleten befinden. Es gibt immer Zahlen und Daten, die als Vergleich herangezogen werden können und die belegen, dass er bereit ist für die nächste Stufe. Das wird ganz interdisziplinär von verschiedenen Seiten betrachtet und eingeschätzt. Alle haben Sorge vor einer möglichen Herzproblematik und wir müssen klarmachen, wie wichtig Diagnostik hierbei ist, das müssen auch die Vereine alle verstehen.“

Was bleibt, ist die Sorge vor Langzeitfolgen. Wie begegnet man dieser?

Graumann: „Unser gesamtes medizinisches Kompetenzteam hat einen Riesenrespekt vor Spätschäden und Langzeitfolgen des Coronavirus. Aktuell konzentrieren wir uns in der Diagnostik vor allem auf das Herz-und Kreislaufsystem, nicht zuletzt, da diese Komplikationen schon im Profi-Eishockey aufgetreten sind. Dennoch sind wir ständig damit beschäftigt, uns mit Experten im In-und Ausland auszutauschen, um unsere Athlet*Innen so gut es geht zu schützen. Daher sind unsere derzeitigen Strategien nicht in Stein gemeißelt und werden sicherlich in den kommenden Monaten nochmal kritisch hinterfragt werden.“