Gastbeitrag von Martin Hyun zum Internationalen Tag gegen Rassismus: „Ich kämpfe dafür, dass People of Color eine Heimat im Eishockey finden“

Dr. Martin Hyun ist Gründer und CEO des gemeinnützigen und internationalen Netzwerkes „Hockey is Diversity“ und ein ehemaliger deutscher Eishockeyspieler. Der Autor der folgenden Zeilen wurde als Sohn koreanischer Gastarbeiter-Eltern 1979 in Krefeld geboren. Hyun war erster koreanischstämmiger Profi in der DEL und deutscher Junioren-Nationalspieler. Er studierte Politik, International Business und International Relations. „Hockey is Diversity“ wurde von ihm und Peter Goldbach im Jahr 2010 gegründet und agiert aktiv gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Diskriminierung. Beide plädieren leidenschaftlich für Vielfalt als Fundament für einen respektvollen Umgang miteinander. Auf ethnische Vielfalt in der Gesellschaft aufmerksam zu machen und Integration in Deutschland zu fördern, ist ihr Ziel. Hierbei geht es Hyun und Goldbach auch darum, die Vielfalt im Sport in die Gesellschaft zu übertragen und Menschen über den Sport hinaus interkulturell zu sensibilisieren.

Von Martin Hyun

„Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich meine tiefschwarzen, naturlockigen und dicken Haare, die ich von meinem Vater geerbt habe. Ich sehe die Konturen meines oval förmigen Gesichtes und meine dunkelbraunen, hierzulande auffälligen asiatischen Augen. Mein Migrationshintergrund ist für alle gut sichtbar sowie mein für Einheimische fremdklingender Nachname. Ich bin das Produkt deutsch-koreanischer Migrationsgeschichte, die 1963 mit dem Programm zur vorübergehenden Beschäftigung von koreanischen Bergarbeitern im westdeutschen Steinkohlenbergbau begann. In 21 Artikeln wurde die Anwerbung südkoreanischer Bergarbeiter geregelt. Die deutsche Bergbauindustrie benötigte händeringend Arbeitskräfte. Nach Max Frisch kamen Menschen ins Land. Menschen wie mein Vater. Er kam 1970 als Bergarbeiter und malochte Untertage in der Zeche Oberhausen-Osterfeld in Nordrhein-Westfalen. Meine Mutter kam 1971 nach Krefeld und arbeitete bis zur Frühpensionierung als Krankenschwester. Auch nach 58 Jahren im Land, wird diese Migrationsgeschichte öffentlich kaum wahrgenommen. Und doch ist sie tief in die deutsche Geschichte verwoben. 

Meinen sichtbaren koreanischen Migrationshintergrund kann ich nicht ablegen. Er ist ein Teil von mir – ich gehe damit schlafen und wache morgens damit auf. Und das hat seinen Preis. In regelmäßigen Abständen werde ich daran erinnert, dass ich nicht hierhergehöre. Diese Erfahrung mache ich nicht nur im Alltag, sondern auch im Beruf und in der Sportwelt. Eine berufliche und sportliche Heimat zu finden ist nicht ganz einfach, wenn die Konstruktion deiner Identität nicht direkt mit dem Sport oder Beruf assoziiert wird. Ich erinnere mich an eine Begegnung mit einem deutschen Zollbeamten, als wir mit der Junioren-Nationalmannschaft auf dem Weg nach Kanada waren und er mich als einzigen auserkor, um zu fragen, ob ich zu einem Tischtennisturnier reisen würde. Dieser Austausch beschäftigte mich sehr lange. Mit Sicherheit ist dem deutschen Zollbeamten die einheitliche Kleidung der Mannschaft mit dem Logo des Deutschen Eishockey-Bundes nicht entgangen.

Die verbalen rassistischen Angriffe, denen ich bei Eishockeyspielen insbesondere nach der Wende ausgesetzt war, hinterließen Narben. Später, als ich für Krefeld in der DEL spielte, erinnere ich mich, wie Zuschauer in Augsburg asiatische Gerichte nach mir schrien und dabei herzhaft lachten. Viele tausende Zuschauer fanden dies offenbar ganz amüsant. Die Botschaft war klar, dass meine Person nicht Teil des Spiels ist – ihre Eishockeywelt ist nicht meine Heimat.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (r.) und Jae-In Moon, Präsident von Südkorea (l.), begrüßen Martin Hyun, ehemaliger Eishockey-Profi (M.), im Amtssitz „Blaues Haus“.

Die Erfahrung, eine berufliche Heimat zu finden, ist mir bis heute verwehrt geblieben. Denn Heimat impliziert zuhause und das Gefühl angekommen zu sein. Bei einem Auswahlverfahren für eine Stelle als deutscher Repräsentant bei den Vereinten Nationen im Bereich Sport und Entwicklung befragte mich der Personaler des Auswärtigen Amtes nach meiner Loyalität zu Deutschland. Als ich im Bundestag arbeitete, hielt mich eines Tages eine Sekretärin auf. Die Sekretärin forderte mich auf, stehen zu bleiben. „Sie haben den Alarm ausgelöst!“, beschuldigte sie mich. Die Sekretärin, die meinen gut sichtbaren Dienstausweis als Berechtigungsnachweis nicht akzeptieren wollte, drohte mit der hausinternen Bundestagspolizei. Dann verstand ich, warum die Sekretärin mich aufhielt – weil sie sich in ihrer beruflichen Heimat eine Person wie mich nicht vorstellen konnte, der in den heiligen Hallen der deutschen Politik arbeitete.

Bei einer großen Konferenz in Berlin mit Prominenz aus Politik und Wirtschaft, fragte mich der Präsident eines Arbeitgeberverbandes als ich den Raum betrat, ob ich der Dolmetscher sei. Das ist die Wahrnehmung in diesem Land – trotz 58 Jahren Migrationsgeschichte.

Im letzten Jahr feierten wir 30 Jahre Deutsche Einheit. Die aus meiner Sicht rechtsextreme AFD-Partei ist mittlerweile in allen Landtagen vertreten und drittstärkste Kraft im Bundestag. Deutschland ist nicht nur nach rechts gerückt, auf dem rechten Auge blind, sondern auch zu einem Land geworden, in dem wieder Flüchtlingsunterkünfte in Brand gesetzt und geflüchtete Migrant*innen und People of Color getötet werden. Die geistigen Brandstifter der AFD waren Wegbereiter der antisemitischen und rassistischen Morde in Halle und Hanau. Die Grenze des Sagbaren und Handelns haben sich definitiv verschoben. 

Ich war 13 Jahre alt, als tausende Menschen in Rostock-Lichtenhagen das Sonnenblumenhaus, das vietnamesische Gastarbeiter beherbergte, in Brand setzten. Die Eingangstür des Hauses wurde mit einem schweren Schloss versehen, die eine Flucht der Vietnamesen verhindern sollte. Die Vietnamesen sollten im Haus elendig verbrennen. 

Die Bilder vom brennenden Asylbewerberheim in Rostock, Molotowcocktails werfenden Menschen, Beifall klatschenden Passanten, die zu Mitläufer und Mittäter wurden, die Handlungsunfähigkeit der Polizei und die um ihr Überleben flehenden Vietnamesen in panischer Angst, sind mir für immer ins Gedächtnis eingebrannt.

Diesen Hass habe ich auch am eigenen Leib zu spüren bekommen. Nach einem Streethockey-Spiel kam ein Mob auf mich zu, der mich umzingelte und mich dabei anschrie: „Verpiss dich aus unserem Land!“ Ich erlebte, wie ein Mannschaftskamerad von heute auf morgen ein Neonazi wurde. Ich erlebte, wie die Stimmung im Land kippte. Schon als ich elf Jahre alt war, wusste ich, dass rassistische Angriffe und rechter Terror sich biorhythmisch wiederholen. Und mit jedem weiteren Höhepunkt sinkt die Hemmschwelle der Gewalt. Ich empfinde es so, dass rassistischer Terror durch die Hetze der AFD gesellschaftsfähig geworden ist. Die Gleichung, dass Neonazis Springerstiefel, Glatze und Bomberjacken tragen, gehört schon lange der Vergangenheit an. Heute ist es der Nachbar oder Bäcker von nebenan, der Lehrer, Dozent an der Universität, der Rechtsanwalt, der Bankkaufmann, der Informatiker, der Unternehmer, der Malermeister, Physiker, der Pilot, Vertriebsleiter, der Polizeibeamte, der Sozialpädagoge, der Trainer und Sportdirektor vom Sportverein usw. Die Neonazis und Rassisten von heute sind nicht mehr so leicht am äußeren Erscheinungsbild identifizierbar. 

Die Mauer ist 1989 in Berlin gefallen, aber immer noch gibt es eine unsichtbare Mauer, die zwischen den Einheimischen und People of Color verläuft. Wie schaffen wir es, die Mauer in den Köpfen einzureißen, die wirkliche Annäherung und Integration verhindert?  Ein Sinneswandel kann ohne Annäherung nicht erfolgen. Wir können nicht einfach hoffen oder davon ausgehen, dass Rassismus nicht existiert oder irgendwann zufällig verschwindet. Wir müssen ehrlich sein, wenn wir über Rassismus reden.  Wir können Rassismus nicht mehr als isoliertes Vorkommnis behandeln, sondern als eines, mit dem wir uns konsequent beschäftigen müssen.  Solidaritätsbekundungen, Lichterketten, Symbolpolitik, Hashtags und Gedenkstätten haben den Rassismus nicht beendet. Liebe kann man nicht erzwingen. Und auch kein Antidiskriminierungsgesetz verleitet jemanden dazu, einen anderen Menschen zu achten.

Es reicht auch nicht aus, eine Flagge für Vielfalt vor dem Firmengelände oder der Behörde zu hissen, wenn sich in den eigenen Reihen Diversität nicht widerspiegelt. Es reicht nicht aus, am Diversity-Tag eine nette Pressemitteilung zu veröffentlichen. Es reicht nicht aus, Handlungsempfehlungen zu verfassen, die von Menschen verfasst wurden, die nie Rassismus erfahren haben. 

Eishockey ist nicht immun gegen Rassismus. Wer die Geschichte unseres Sports kennt, weiß, dass es dem Eishockey nicht immer um Inklusion ging. Wir können den Spruch, dass der Sport eine starke integrative Kraft hat, nicht dazu missbrauchen, wenn die eigenen Strukturen homogen aufgebaut sind und von Diversität in den Führungspositionen nichts zu sehen ist. Die habituellen Grenzen müssen wir aufbrechen. Der Sport kann sich auf Grund des demografischen Wandels nicht vor People of Color, Migranten und Flüchtlinge verschließen, die nicht mit dem Sport verankert sind. Er muss Lösungen bieten, die die immer bunter und diverser werdende Gesellschaft widerspiegelt.  Mit meinem Verein ‚Hockey is Diversity‘ werde ich dafür kämpfen, dass Players of Color eine Heimat im Eishockey finden und niemand mehr von einem Zollbeamten gefragt wird, ob er oder sie zu einem Tischtennisturnier fliegt.“