DEB-Interview mit Moritz Seider: „Ich will ohne Hektik zurückkommen“

DEB: Moritz, schön, dass du dir Zeit für ein Gespräch nimmst. Du hattest kürzlich einen ziemlichen Schreckmoment, bist bei einem Meisterschaftsspiel in die Bande gekracht und musstest verletzt vom Eis. Wie läuft der Heilungsprozess, wie geht es voran?

Moritz Seider (19/Nationalspieler/Rögle BK): „Es wird langsam, die Schulter ist noch ein bisschen schwach, aber das ist normal. Wir sind auf einem sehr guten Weg, ich habe keine Schmerzen. Ich bin sehr, sehr optimistisch, will aber ohne große Hektik zurückkommen und auch nichts überstürzen, das bringt nichts. Ich hatte das große Glück, dass ich immer noch mit einer Vollkarbonschiene spiele, die mir wahrscheinlich die Karriere gerettet hat. Wir sind alle überglücklich, dass alles noch im Rahmen geblieben ist.“

DEB: Wie erinnerst du dich an die Situation und ist es denkbar, dass du dauerhaft mit der individuellen Karbonorthese von Ortema spielst?

Seider: „Ich hatte mich mit einem Gegenspieler verhakt, dann kam die Bande schneller als gedacht und es ging nur drum, dass ich nicht Kopf voran reinbrettere. An der Situation hatte keiner eine Schuld. Es ist nochmal gut gegangen und jetzt heißt, fleißig zu trainieren und wieder zu 100 Prozent kommen. Was die Schiene angeht, muss man sehen, wie das im nächsten Sommer weitergeht. Ich hoffe, ich kann die Schulter so aufbauen, dass man ohne Hilfsmittel spielen kann. Es wird aber die nächste Zeit wichtig sein, dass ich die Schiene beibehalte. Solange ich sie trage, fühle ich mich auf jeden Fall sicher – vielleicht ist das auch nur eine Kopfsache. Ob ich immer damit spiele, weiß ich nicht.“

DEB: Ansonsten hat der Wechsel nach Schweden für dich ja prima funktioniert. Was sind die positiven Aspekte für dich?

Seider: „Ich war überrascht über das Angebot, hatte aber schon immer mal den Gedanken, dass es doch cool wäre, in der SHL (Swedish Hockey League/Anm.d.Red.) zu spielen. Dass es so schnell kommt, hätte ich nicht gedacht. Cory Murphy kannte ich außerdem, er ist ja auch Assistent bei der Nationalmannschaft. Ich bin super happy und fühle mich unheimlich wohl. Ich spiele viel, bekomme Zeit im Powerplay, im Penalty Killing, spiele in der Overtime. Das sind alles Dinge, für die man trainiert, man will in den entscheidenden Momenten auf dem Eis stehen. Dazu habe ich mit Eric Gelinas einen unheimlich erfahrenen Verteidigungspartner, der mir jeden Tag auch ein Stück hilft, dass ich besser werde. Als Team versuchen wir, unserem Anspruch gerecht zu werden, haben eine unheimlich starke Mannschaft und hohe Ziele.“

DEB: Wie ist das Leben in Schweden mit der Corona-Pandemie, wie viel Normalität gibt es?

Seider: „Es ist sehr, sehr viel möglich. Es gibt keine Maskenpflicht, alle Restaurants sind bis 20 Uhr offen. Das Leben ist schon sehr geregelt und fast normal. Natürlich müssen wir uns sehr vorsichtig verhalten und den Abstand wahren und nicht unnötiges Risiko eingehen. Die Stadt ist sehr entspannt mit 40.000 Einwohnern, da ist nicht viel los, aber dafür bin ich auch nicht da. Helsingborg ist nicht weit weg, das Meer ist um die Ecke. Wir fahren öfter mal raus, um die Seele zu entspannen. Und im Moment ist es wirklich eiskalt, und ich bin auch noch wie ein Tourist mit Turnschuhen rumgerannt. (lacht)“

DEB: Hast du auch ein bisschen die Sprache gelernt oder vielleicht die eine oder andere Spezialität probiert, Surströmming zum Beispiel?

Seider: „Ich habe mich ein bisschen versucht am Schwedischen, aber bin wahrscheinlich kläglich gescheitert, immerhin war der Wille da. (schmunzelt) Für Kaffee und Kuchen gibt es feste Rituale, die Jungs freuen sich da schon nach dem Essen drauf, da unterhält man sich und philosophiert über das Leben oder redet auch mal Mist. Es gibt wirklich sehr begabte Bäcker und eine ganze Menge Süßspeisen. Da muss man natürlich aufpassen als Profisportler, das kann man nicht immer machen. Aber Dosenfisch schieb‘ ich lieber weg, sonst ist mein Tag gelaufen. (lacht)“

DEB: Du bist von den Detroit Red Wings nach Schweden ausgeliehen. Wie intensiv ist der Kontakt und gibt es irgendeine Konstellation, in der du auch diese Saison noch für Detroit aufläufst?

Seider: „Es ist eigentlich ausgeschlossen durch den Vertrag über die gesamte Saison. Das gibt mir auch Klarheit, ich muss mich nicht mit irgendwelchen Eventualitäten auseinandersetzen. Ich kann mich voll und ganz auf die Saison konzentrieren, das hilft mir auch mental sehr. Ich freue mich schon riesig auf die neue Saison, man will endlich auch das Line-up in der NHL schaffen, das ist das ganz, ganz große Ziel. Der Kontakt ist sehr regelmäßig. Es ist gut, dass Leute wie Niklas Kronwall (arbeitet im Management der Detroit Red Wings/Anm.d.Red.) in Schweden sind und damit nicht weit weg. Er kommt ab und an her, wir treffen uns und reden miteinander. Es gibt so einmal im Monat ein größeres Meeting, wo wir über die letzten Spiele reden und gewisse Punkte besprechen, die wichtig sind für die Zukunft in der NHL oder die in meinem Spiel noch besser werden müssen. Das ist sehr professionell und hilft mir als Spieler sehr weiter.“

DEB: Beim Deutschland Cup hast du nicht dabei sein können und die Nationalmannschafts-Maßnahme im Februar wäre wegen deiner Verletzung auch nicht möglich gewesen, wenn sie nicht abgesagt worden wäre. Die WM in Riga hast du aber sicher im Visier, oder?

Seider: „Auf jeden Fall, das sollte klappen. Nachdem man letztes Jahr keine Chance hatte, sind wir unheimlich heiß. Das wird ein cooles und interessantes Jahr, ich freue mich riesig. Mit Toni Söderholm habe ich immer vor den Maßnahmen telefoniert. Jetzt geht es um den Fokus, 100 Prozent fit zu sein für die WM. Ich denke, auch in der Verteidigung ist Team Deutschland sehr breit aufgestellt mit jungen Spielen, die da nach und nach reinrutschen werden. Ich möchte mich natürlich so gut wie möglich präsentieren, um mir einen Platz zu erarbeiten und am Ende dabei zu sein.“

DEB: Wie blickst du auf das Geschehen in der NHL, darauf, wie Tim Stützle sich bisher schlägt und den generellen Trend, dass immer mehr deutsche Spieler den Schritt wagen?

Seider: „Tim weiß, dass ich immer ein offenes Ohr habe, wenn es mal nicht so läuft. Es ist nicht einfach, in so eine harte Division zu kommen, nur gegen kanadische Teams zu spielen und wenn plötzlich alle möglichen Leute etwas von dir wollen. Daran muss man sich auch gewöhnen, deshalb soll er mal sein Ding machen. Es ist ein schwieriger Part, den er leisten muss in einem Re-Build. Sie haben nicht so viele Franchise-Player, das wird alles noch dauern und Tim wird dazu seinen Beitrag leisten. Ich glaube, es wird spannend in den nächsten Jahren, seine Entwicklung zu sehen. The sky ist the limit. Es ist sehr, sehr bemerkenswert, wie er das bisher macht in der besten Eishockey-Liga der Welt. Wenn man sieht, dass immer mehr Deutsche den Schritt wagen, bin ich schon sehr euphorisch, wie das weitergeht. Auch Olympia wird ein sehr interessantes Thema sein, da hofft man auf die Erfüllung eines Kindheitstraums und dass man vielleicht gegen die Allerbesten der Welt spielen kann.“