Lukas Reichel vor dem NHL-Draft: „Die erste Profisaison war mein wichtigstes Jahr“

Wenn Lukas Reichel vor solch einem wichtigsten Zwischenschritt seiner Karriere steht, dann wollen Familie und Freunde natürlich nicht fehlen. „Meine Eltern kommen aus Rosenheim und vielleicht sind ein paar Jungs aus der Mannschaft mit dabei, wenn die solange wach bleiben wollen“, erzählt der Sohn des langjährigen früheren Nationalspielers Martin Reichel. Spät, sehr spät wird es werden, wenn der 18-Jährige in Berlin womöglich schon in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch erfährt, welcher NHL-Club sich seine Rechte sichert. Reichel hat als eines von drei deutschen Top-Talenten die Chance, bereits in der ersten Runde der jährlichen Talentziehung ausgewählt zu werden.

Sollte das doch nicht so kommen, dürfte sein Name einer der ersten sein, die am Mittwoch beim zweiten Teil des wegen der Corona-Pandemie zum Online-Event umgestalteten Ereignisses fallen. „Wenn man in der ersten Runde gezogen wird, das gibt nochmal einen Schub“, sagt der U20-Nationalspieler, um allerdings gleich anzufügen: „Aber, wenn du hoch gedraftet wirst und danach aufhörst zu arbeiten, dann bringt auch das nichts.“ Dann gerät eine NHL-Karriere trotz aller guten Voraussetzungen auch rasch wieder in weite Ferne.

Wie John Peterka und Tim Stützle, die beiden anderen deutschen Erstrundenkandidaten, hat Reichel zahlreiche Interviews mit NHL-Teams hinter sich. Das rege Interesse an den drei deutschen Spielern hob jüngst auch Bundestrainer Toni Söderholm hervor. „Ich sehe die Chance sehr gut, dass auch John und Lukas in der ersten Runde gezogen werden. Die Anfragen aus der NHL in den letzten Monaten waren nicht nur allgemein, sondern es wurde wirklich konkret nach dem Potenzial für die NHL gefragt. Das ist interessant und hilft auch zu wissen, was heute in der NHL wichtig ist und wie man sich und auch das Umfeld des Spielers darauf vorbereiten muss“, berichtet der DEB-Coach.

Reichel hatte nicht nur Ende 2019/Anfang 2020 bei der U20-WM in Tschechien, aber vor allem auch bei den Eisbären Berlin in seiner ersten Profisaison beste Eigenwerbung betrieben und mit je zwölf Toren und Assists in 42 Spielen für Aufsehen gesorgt. „Die erste Profisaison war mein wichtigstes Jahr“, erinnert sich gebürtige Nürnberger und hebt besonders Eisbären-Coach Serge Aubin und seine Mannschaftskollegen hervor, die ihm ein ideales Umfeld boten. „Mein Trainer und die Mitspieler haben mir sehr geholfen. Das braucht man als junger Spieler und dann muss man einfach nur seine Leistung bringen.“

In den zurückliegenden Monaten hat Reichel, der im Nachwuchs des SB Rosenheim groß wurde, ganz bewusst und gezielt an seiner physischen Entwicklung gearbeitet, um dort anzuschließen, wo er aufhörte. Unter Beweis gestellt hat er das schon bei den drei Testspielen gegen eine Schweizer U20 im Juli, als ihm vier Treffer gelangen. „Meine Schwäche ist das Körperliche, das weiß ich, aber im Sommer konnte ich die Zeit gut nutzen. Ich habe mich viel mit Fitnesstrainern ausgetauscht und sehr speziell trainiert. Ich fühle mich schon viel besser und stabiler“, erzählt der Neffe des früheren NHL-Stars Robert Reichel, der einst mit Jaromir Jagr und Bobby Holik eine berühmte tschechische Angriffsformation bildete und dessen Vater Martin natürlich einer der wichtigsten Ratgeber ist.

Insgesamt hofft Reichel, der als Kind wie Peterka für die Chicago Blackhawks und Patrick Kane schwärmte, auf einen Meilenstein für das deutsche Eishockey, denn bislang wurden überhaupt nur sieben deutsche bzw. deutschstämmige Spieler in der ersten Runde des NHL-Drafts ausgewählt, mehr als einer noch nie. „Ich würde mich riesig freuen, wenn wir alle Drei in der ersten Runde gezogen würden. Das wäre eine Riesensache und eine Riesenwerbung für das deutsche Eishockey“, sagt Reichel, der überdies festgestellt hat, dass „die Leute aus Kanada und den USA ganz anders und wesentlich mehr nach Deutschland schauen.“

Auch wenn das Liveerlebnis in Montreal den deutschen Talenten coronabedingt entging, die Vorfreude trübt das kaum, zumal es ein wenig von den Alltagssorgen im deutschen Eishockey ablenkt. „Es wird bestimmt ein schöner Abend. Ich freue mich sehr darauf“, sagt der Flügelstürmer.

Fotos: Jan-Malte Diekmann