Herr Schaidnagel, sind Sie nun Sportdirektor des DEB. Wie sehen Ihre neuen Aufgaben aus?

Stefan Schaidnagel: „Es geht um die sportfachliche Führung und Leitung des Verbandes auf allen Ebenen – vom Nachwuchs bis hin zu den Nationalmannschaften. Bundestrainer Marco Sturm werde ich bei den Schnittflächen zur Gesamtausrichtung unterstützen. Er ist General Manager und Bundestrainer des A-Teams und wir werden in allen Bereichen, wie bisher, weiterhin sehr gut zusammenarbeiten. Darüber hinaus vertrete ich den DEB im Austausch mit den Institutionen des Spitzensports wie zum Beispiel beim DOSB oder auch bei den Sitzungen der Managerkollegen der DEL.“

2015 übernahmen Sie den neu geschaffenen Posten des „Bundestrainers Wissenschaft und Ausbildung“. Wie fällt ihre Bilanz nach zwei Jahren aus?

Schaidnagel: „Grundsätzlich positiv. Wir haben in sehr kurzer Zeit schon sehr viel verändert: Trainerausbildung und das Lehrwesen, die Alters- und Ligenstruktur im Nachwuchs, gehen neue Wege in der Talentförderung und arbeiten weiterhin sehr intensiv in der direkten Vereinsbetreuung. Und diese Arbeit ist lange noch nicht beendet. Sie wird weitergehen.“

Wo steht denn das deutsche Eishockey im internationalen Vergleich?

Schaidnagel: „Unter Marco Sturm hat sich die A-Nationalmannschaft nach zwei Viertelfinal-Teilnahmen in Folge bei den jüngsten Weltmeisterschaften und der geschafften Olympia-Qualifikation erfolgreich konsolidiert. Aber Erfolg definiert sich durch Nachhaltigkeit, also eine Aneinanderreihung von positiven Ergebnissen. Wir sind weit davon entfernt, uns auf irgendetwas ausruhen zu dürfen. Die Herausforderung ist nun diese Nachhaltigkeit zu schaffen.“

Im Nachwuchs sieht es dagegen ganz anders aus. Da ist Deutschland zweitklassig.

Schaidnagel: „Bis zur U16 sind wir wettbewerbsfähig – international sind wir da noch in einem Bereich, wo die Leistungen nicht so heterogen sind. Ab der U16 haben wir ein Problem. Da sind wir zweitklassig. Da wollen wir uns besser aufstellen und sportlich verbessern. Deshalb werden wir um einschneidende, unpopuläre Maßnahmen nicht herumkommen – gerade im Altersbereich von U17 und U20. Hier sind wir dabei die Ligenstärken im U20 und U17 Bereich anzupassen, die Spielpläne dann folglich auf das sportfachliche Ziel der jeweiligen Altersklasse zu professionalisieren und das Gesamtgefüge in Bezug auf die internationalen Standards im Breiten- und Leistungssport in diesem Altersband zu optimieren.“

Das heißt?

Schaidnagel: „Wir müssen hier zwischen kurz-, mittel- und langfristigen Zeitfenstern unterscheiden. Kurzfristig geht es darum, durch eine bessere Organisation und Wissensvermittlung ganz schnell Trainern, zusammen mit den Clubs und Landesverbänden das Know-how zu vermitteln, wie sie ihre Arbeit optimieren können. Hier sehe ich durchaus positive Anzeichen – auch haben wir erstklassige Coaches. Wir müssen dies weiter ausbauen. Mittelfristig reden wir über weitere Änderungen in der Nachwuchsstruktur, ob nun Förderlizenzen oder den DNL-/U20-Bereich. Langfristig geht es um die Etablierung lokaler Programme und eine Neu-Definierung derer, Abgrenzung und sinnvollem Übergang von Leistungs- und Breitensport. Wobei beim Wort Breitensport sich viele gleich degradiert fühlen. Das ist fachlich überhaupt nicht negativ zu verstehen. Denn Leistungssport kann sich nur aus Breitensport entwickeln – dies muss aber „organisch“ wachsen. Die Förderung des Breitensports zusammen mit den Landesverbänden muss genau so hochgehalten werden, wie der Auftrag des DEB lautet, den Leistungssport durch adäquate Programme auf internationalem Niveau zu etablieren.“

Apropos Förderlizenzen: DEL-Clubs müssen in der kommenden Saison nicht mehr mit einem DEL2-Club kooperieren, können das nun auch ausschließlich mit einem Oberligisten. Ist das sinnvoll?

Schaidnagel: „Wichtig ist erstmal, dass es keine Mehrfach-Spielgenehmigungen mehr gibt und wir die Spieler in den Vordergrund rücken. Die fehlende Identifikation für die Spieler und die Entfremdung des ursprünglichen Förderlizenz-Gedankens war nicht zielführend. Jetzt darf ein Spieler nur noch für zwei Teams spielberechtigt sein. Dadurch sind alle gezwungen, sich genau zu überlegen, wen sie verpflichten und wie der Entwicklungsplan für diesen Spieler aussehen soll, d.h. wie setze ich ihn ein, wer garantiert mir seine Förderung und wo sehe ich bei ihm die Potentiale. Hier sind wir mit der DEL und deren Vereinen und Managern im stetigen, konstruktiven Austausch.“

Der Sprung von der Oberliga in der DEL bleibt ein großer.

Schaidnagel: „Keine Frage. Jeder DEL-Club entscheidet für sich, mit welchem Stamm von Spielern, er welche Leistungsverbesserungen bei welchem Kooperationspartner erzielen will.“

DEL und DEL2 stehen sich wegen Auf- und Abstieg in Kürze vor dem Schiedsgericht gegenüber. Es hat den Anschein, als würden sich die Ligen wieder weiter voneinander entfernen. Der DEB sieht dem relativ ruhig zu. Warum?

Schaidnagel: „Das mag in der Öffentlichkeit vielleicht so wirken. Ich kann aber versichern, dass hinter den Kulissen viel kommuniziert wird. Eine gemeinsame Linie ist gegeben. Und die Bereitschaft, an Konzepten mitzuwirken, damit sie nachhaltig funktionieren, ist auch vorhanden.“

Was muss denn passieren, damit Powerplay26, das ambitionierte Ziel des Verbandes, ab 2026 regelmäßig um Medaillen mitzuspielen, erfolgreich umgesetzt wird?

Schaidnagel: „Weitere Reformen im Sinne des deutschen Eishockeys. Dazu gehört auch der fortgesetzte Dialog über alle Ebenen des Eishockeys. Alle müssen das große Ganze im Blick haben und bereit sein, dem roten Faden dieses Programms zu folgen. Hinzu kommt eine ständige Reevaluierung von Maßnahmen und Konzepten. Ohne eine anhaltende Weiterentwicklung und die Offenheit dafür, gibt es keinen Fortschritt.“